Swonarew Kut - Звонарёв Кут
Swonarew Kut - Звонарёв Кут
Wir mußten vorwärts und beschlossen, die offene Stelle auf gut Glück zu überwinden und erreichten auch wohlbehalten den Wald. Der empfing uns mit einem leisen Säuseln seiner Blätter, in das sich mitunter ein Getöse und Lärm aus weiter Ferne mischte, das sich furchterregend anhörte Dortje wollte umkehren, aber ich erklärte ihr, daß das unmöglich sei, ehe wir ihrem Vater nicht das Essen übergeben hätten und wüßten, daß er außer Gefahr sei. Das wirkte, und wir setzten unseren Weg fort.
Je näher wir dem Nachbardorf kamen, desto mehr stieg der Lärm an. Wir hörten das Brüllen von Kühen und Hundegebell, und fortwährend war lautes Getöse zu vernehmen, als schlage jemand mit einem Riesenhammer gegen Hauswände, ein Geräusch, dem wir nichts zuordnen konnten.
Endlich erreichten wir das hohe Flußufer, hinter dem das Dorf begann. Nirgendwo war Licht zu sehen, nur hie und da blinkte Mondlicht in einem Fenster. Der Lärm war jetzt so laut geworden, daß wir befürchteten, uns könnten die Trommelfelle platzen. Und wir sahen jetzt auch, woher das Dröhnen rührte: An manchen Häusern waren Türen, Tore und Fensterläden nicht verschlossen und wurden vom Wind auf und zugeschlagen, was in der Nacht in den leeren Gebäuden wie Kanonendonner widerhallte. Das Dorf war leergeräumt, die Menschen verschleppt, das Vieh nicht versorgt. Offenbar hatte das Vieh unsere Ankunft gespürt und diesen Lärm verursacht. Doch bei allem Getöse und Gebrüll konnte man in der Ferne das Rattern eines Motors vernehmen.Das konnte die Mühle sein. Wir gingen in die Richtung, aus der das Motorengeräusch kam, wieder wie Gespenster im Schatten schleichend. Plötzlich sahen wir für einige Sekunden eine Menschengestalt, die geduckt die Straße überquerte. Wir hatten uns hinter den Bäumen versteckt, die längs der Gehsteige angepflanzt waren. Da - eine zweite Gestalt, die sich ebenfalls wie ein Dieb bewegte. Die beiden besprachen etwas im Flüsterton und näherten sich uns daraufhin mit vorsichtigen Schritten. Beinahe hätten wir vor Freude aufgeschrien der eine war Onkel David, der andere ein Fremder. Sie hatten heute noch nichts gegessen und wollten deshalb nach Hause zurück und Bescheid über die Verhältnisse geben. Wie sie sich freuten, daß wir ihnen diesen Weg erspart hatten! Sie rieten uns, den Rückweg durch den Grund längs des Flusses zu wählen, den sie wohlüberlegt ausgewählt hatten. Damit kehrten sie wieder zur Mühle zurück.
Ich hatte inzwischen neue Pläne geschmiedet: In Schwed wohnten alle Verwandten meiner Großmutter mütterlicherseits. Hier in der Wasserreihe, wie man die Straße längs des Karaman nannte, wohnte Tante Sofia, eine Cousine meiner Mutter. Das lag nicht weit von dem Weg, den wir gehen sollten. Ich wollte nachsehen, ob sie schon fort seien oder sich unter den neun Familien befänden, die wegen nicht ausreichender Transportmöglichkeiten zurückgeblieben waren.
Dortje wollte jedoch so schnell wie möglich nach Hausse. Ihre Nerven wollten den Druck nicht mehr aushalten. Auch mir standen schon längst die Haare zu Berge, aber ich hielt es für meine Pflicht, nach meinen Verwandten Ausschau zu halten.
Beim Haus meiner Tante angekommen, fanden wir die Tür und das Hoftor verschlossen vor. Das einzige, was wir hörten, war das leise Winseln ihres Hundes Reja. Als ich leise rief: ,,Reja, bist du allein?" heulte die Hündin herzzerreißend in den Himmel hinein. Das Herzeleid des Tieres war offenbar zu groß, als daß es sich über unsere Ankunft hätte freuen können. Die Hausherren waren demnach nicht mehr da. Was wir auch versuchten, wir konnten die Hündin nicht beruhigen. Schließlich weinten Dortje und ich und setzten wie Blinde unseren Weg fort.
Das Brüllen, Grunzen und Blöken hatte in der Zwischenzeit nicht nachgelassen. Die Kühe waren nicht gemolken, die Schweine nicht gefüttert, und sicherlich gab es auch noch andere Gründe, welche die Tiere in der Nacht keine Ruhe finden ließen.
Wir kamen vor Tagesanbruch auf großen Umwegen zu Hause an. Alle waren in Aufregung, weil wir so lange ausgeblieben waren. Obwohl wir todmüde zu Hause eingetroffen waren, konnten wir kein Auge schließen. Alles klang in den Ohren weiter, und die Schreckensbilder wurden wir nicht los. Und noch heute, nach über 50 Jahren, sehe und höre ich alles so, wie es damals war.
Und ich kann mir gut vorstellen, daß es in unserem Dorf nach der Vertreibung am 12. September für das Vieh genauso schlimm wurde.
Noch schwerer aber hatten es die vertriebenen Menschen, die mit leeren Händen in die obdachlose Fremde verschleppt wurden. Viele von ihnen starben schon bald. Nicht vergessen kann ich, daß wir uns wie Diebe in unserem Heimatdorf verstecken mußten. Und wie groß ist die Greueltat, uns und mit uns 1,5 Millionen Rußlanddeutsche der Spionage zu bezichtigen und zu verschleppen! Junge und Alte, Parteimitglieder und Parteilose, Gläubige und Ungläubige alle bekamen sie den gleichen Stempel.
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