Swonarew Kut - Звонарёв Кут
Swonarew Kut - Звонарёв Кут
Am dritten Tag nach dem für uns schlimmsten Ukas des Obersten Sowjets konnten wir in den Zeitungen schwarz auf weiß lesen, daß die Deutschen an der Wolga alle auszusiedeln seien. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie es bei uns mit dieser "Aussiedlung" in der Praxis bestellt war.
Ich weiß noch, daß der Verkehr zwischen den Dörfern und Städten verboten war. Die Straßen wurden vom Militär überwacht. Bei Übertretung der Vorschriften drohten harte Strafen.
Ich weiß auch noch, daß man während der letzten Tage Menschen durch unser Dorf getrieben hatte. Wir waren erschüttert davon, daß sie so gut wie nichts bei sich hatten. Nur die Kinder und Greise saßen auf Pferdewagen, auf denen sich kleine Bündel mit Kleidung und Nahrung befanden. Das sollte eine Aussiedlung sein? Ich würde es doch lieber als Vertreibung bezeichnen.
Alle Menschen, die nicht gehbehindert waren, mußten den Weg bis zur Eisenbahnstation zu Fuß zurücklegen. Das waren von unserem Ort immerhin 35 Kilometer. Diese Menschen waren bereits 25 bis 30 Kilometer gegangen, denn sie kamen aus den sogenannten oberen Dörfern, aus Schaffhausen, Unterwalden, Zürich u.a. Die lange Kolonne wurde von Soldaten bewacht, so wie wir, die wir noch zu Hause blieben, auch.
Die Nachricht von der Aussiedlung hatte alle Deutschen wie der Blitz getroffen. Auch meinen Onkel David mit seiner neunköpfigen Familie, die kein Mehl mehr hatte. Kein Mehl aber bedeutete kein Brot, denn in den Läden gab es kein Brot zu kaufen. Jede Familie buk sich ihr Brot selbst sofern sie Mehl hatte. Weizen gab es 1941 ja genug, denn die Ernte war schon eingebracht worden, der Staatsplan erfüllt, und die Kolchosbauern hatten einen großen Teil ihres Lohnes bereits in Form von Naturalien erhalten.
Man konnte aber den Weizen nicht mahlen, denn unser Dorf hatte keine Mühle und die Fahrt in ein Nachbardorf mit Mühle war offiziell verboten. Onkel David hatte nur nach großer Mühe erreicht, daß er nach Schwed fahren durfte, wo eine Mühle gab. Bei Tagesanbruch fuhr er los, und noch am späten Nachmittag wartete die ganze Verwandtschaft verzweifelt auf seine Rückkehr. Mit jeder Stunde konnte ja auch die Aussiedlung unseres Dorfes beginnen!
Am späten Abend wollte Tante Dorothea selbst auf die Suche nach ihrem Mann gehen Wir ließen das nicht zu, sondern beschlossen, dass sich Onkel Davids Tochter Dortje und ich auf die Suche nach dem "verlorenen" Onkel machen sollten. Wir waren beide 17 Jahre alt und machten uns auf den Weg. Ohne jegliche Erlaubnis. Wir wußten nur zu gut, daß es keine Erlaubnis gab und fragten deshalb erst gar nicht. Wir wußten aber auch, daß uns unterwegs allerhand passieren könnte, denn es war Krieg und die Aunome Republik der Wolgadeutschen gehörtesicherlich zu einer der "besonderen" Zonen der UdSSR. Darum schlichen wir uns wie Diebe durch unser eigenes Dorf. Unser Schuhzeug trugen wir, um barfüßig leiser vorwärtszukommen. Glücklicherweise schien uns der Mond freundlich, als wolle er uns den gefährlichen Weg leuchten. Wir gingen nach Möglichkeit auf Schattenseite der Straße, um ja nicht aufzufallen und hielten in der Nähe vertrauter Häuser, um zu horchen, zu beobachten, ob uns niemand beobachtete. Das Dorf schien schon ausgestorben zu sein. Nur hie und da hörte man das schwere Atmen satter Kühe, die gemütlich ihr Futter hinter den Gartenzäunen wiederkäuten. Dann lag das Dorf hinter uns und noch vielleicht drei- bis vierhundert Meter bis zum Wald vor uns. Der Wald zog sich dem Flüßchen entlang, den wir überqueren mußten, um nach Schwed zu kommen. Dortje und ich hielten im Schatten des letzten Hauses an. Wir lauschten: nichts Verdächtiges. Nur aus dem Gebäude des Dorfsowjets klang noch lustige Musik zu uns herüber. Das waren die Soldaten. Sollten sie uns doch sehen, dann wollten wir ihnen die ganze Wahrheit sagen. Es gibt überall gute Menschen.
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